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Inhalt der aktuellen Ausgabe 02/2020

Inhalt

Inhaltsverzeichnis / Impressum

Aufsätze

Werke In Netzwerken

Der Beitrag geht von der Beobachtung aus, dass der literarische Text in der Regel nicht bloß das Produkt einsamer Autorschaft, sondern das Ergebnis einer Kooperation unterschiedlicher Akteure ist, deren Interessen nicht immer harmonieren. Vor diesem Hintergrund wird ein Überblick über das breite Spektrum literarischer Kooperationsformen im 18. Jahrhundert gegeben. Wie der Beitrag zeigt, eignen sich theoretische Ansätze aus dem Bereich der relationalen Soziologie und der Netzwerktheorie besonders gut, um solche mehr oder weniger ‚zerstreuten‘, stärker oder schwächer institutionalisierten Kooperationspraktiken in den Blick zu nehmen und adäquat zu beschreiben.

„Angenehme Gefälligkeiten“ und „Schuldiger Dank“

Der Beitrag untersucht die höfischen Kontakte und Beziehungen Johann Christoph Gottscheds an unterschiedlichen Fürstenhöfen und nimmt Briefe, Widmungen und Casualgedichte als Formen und Medien in den Blick, mit denen sich Gottsched sukzessive höfische Netzwerke aufbaut und diese pflegt. Gottsched wendet sich in diesen Texten als Klient an den Hof und bedient höfische Repräsentationsbedürfnisse, um die Gunst einflussreicher Personen zu erhalten und für die Unterstützung seiner reformerischen Tätigkeit auf höfische Ressourcen zurückgreifen zu können.

Kollaborative Autorschaft in Lyriksammlungen

Der Aufsatz illustriert anhand von Sperontes’ zuerst 1736 erschienener Sammlung der „Singenden Muse an der Pleiße“ und insbesondere anhand des darin als Nr. 37 vorfindlichen Gedichts „Brüder, stellt das Jauchzen ein“, dass lyrische Dichtung der frühen Neuzeit häufig das Produkt kollaborativer Autorschaft ist, dass es hinsichtlich der Art lyrischer Dichtung, für die das zutrifft, eine relativ bruchlose Traditionslinie gibt, die die Lyrik der Frühaufklärung mit der Lyrik jener Epoche verbindet, die sich Germanistinnen und Germanisten als ‚Barock‘ anzusprechen gewöhnt haben und dass dieser Art von Lyrik eine Poetik des Netzwerks unterliegt.

„Ohne den Parade Rok der Autorschaft“

Heinrich Christian Boie gelang es ohne eigenes Werk Ansehen und Bekanntheit im Literaturbetrieb des späten 18. Jahrhunderts zu erwerben. Unter Rückgriff auf das aus der relationalen Soziologie entlehnte Konzept des ‚Brokers‘ wird gezeigt, wie seine Positionierung im Netzwerk zwischen literarischen Gruppen, Verlegern und Bürokraten es ihm erlaubte, den Werken und ihren Autoren zu Erfolg zu verhelfen. Von besonderer Relevanz waren dabei die von ihm herausgegebenen periodischen Medien „Göttinger Musenalmanach“ und die Zeitschrift „Deutsches Museum“, die – mal absichtsvoll, mal zufällig – neue Verbindungen stifteten.

Nicht-Werke im Netzwerk

Die Netzwerktheorie stellt eine Beschreibungssprache zur Verfügung, die es erlaubt, der performativen Dimension von Texten gerecht zu werden. Der Aufsatz führt diesen Gedanken anhand von Lenz’ „Tagebuch“ und „Waldbruder ein Pendant zu Werthers Leiden“ aus, die in der Germanistik als „Schriften für Goethe“ oder Werke der „Prosadichtung“ identifiziert wurden. Der Aufsatz weist demgegenüber u.a. entlang aktueller Forschung zum Thema ‚Fan Fiction im 18. Jahrhundert‘ nach, dass sie zwei unterschiedlichen Publikationssphären angehören.

Was „Vermögen Reihung und Verbindung“?

Der Beitrag zielt auf die Vernetzungsarten und die Vernetzungsleistungen, die das Medium Zeitschrift selbst erbringt und die von den personalen Akteuren weder bemerkt noch besprochen und reflektiert werden müssen. Am Beispiel einiger Textelemente, die nicht Teil von Friedrich Schillers Romantext „Der Geisterseher“ sind, wie er in den Heften 4 bis 8 seiner Zeitschrift „Thalia“ zwischen 1787 und 1789 zuerst gedruckt worden ist, wird skizziert, wie die Zeitschriften als ‚kleine Archive‘ seit dem 18. Jahrhundert zur Wissensproduktion und -verbreitung beitragen. Seit der Umstellung auf periodische Medien sind es die mediumtypischen Netzwerke der Periodika selbst, die durch „Reihung und Verbindung“ ihrer Elemente auch über Einzelhefte und Einzeltitel hinaus die zeitgenössischen Wissensgenesen und Wissensflüsse auf eigene Weise regulieren.

Die Lesegesellschaft

Die Lesegesellschaft wurde in der Forschung bisher hauptsächlich als eine Institution im Emanzipationsprozess bürgerlicher Schichten oder als Organisationsform im Prozess einer funktionalen Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft betrachtet. Der Artikel offeriert eine andere Perspektive auf die Lesegesellschaft in der Spätaufklärung und geht von der Annahme aus, dass dabei nicht nur Homogenität und Konsens, sondern auch Heterogenität und Dissens zentrale Merkmale von Lesegesellschaften sind, die an der Kooperation der in ihnen organisierten Akteure mitwirken. Im Theorierahmen der Akteur-Netzwerk-Theorie, insbesondere durch das Konzept des Grenzobjekts von Susan Leigh Star und James R. Griesemer, kann nicht nur die spezifische Integrationsleistung und Medienfunktion der Lesegesellschaft aufgezeigt werden, sondern auch deren Erfolgsgeschichte anders erzählt werden als bisher in der Forschung üblich. Der Artikel versteht sich daher auch als eine Meta-Analyse der bisherigen Forschung zur Lesegesellschaft, die die Deutungsspielräume des Materials hervorhebt und dessen Ambivalenzen ins Spiel bringt.

Versioning Violence

Stifter’s re-writing process of “Die Mappe meines Urgroßvaters” is often rendered as a sublimation-story: in the course of four versions Stifter diminishes jealousy as a theme and allows his protagonist Augustinus to mature into an even-tempered man. However, this article shows that jealousy remains a latent force that steers Stifter’s editorial work on the text: negative affects are transposed into more abstract textual registers – most importantly, the economy of character. The female lead Margarita is progressively reduced to a minor character: Margarita loses her voice, and becomes entangled in a plot-line of romantic betrayal, which turns into an allegory of jealous reading, raising questions of doubt and belief.

Unfälle

Der Beitrag untersucht anhand der Unfalldarstellung in der naturalistischen Prosa (Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“, Philipp Langmanns „Ein Unfall“) den Zusammenhang zwischen sozialer und literarischer Modernisierung. Die naturalistische Prosa erweist sich in der Heranziehung von Elementen des Sozialversicherungsdiskurses als eminent modern. Sie bilanziert Folgeschäden von Modernisierung in den Individual- und Sozialverhältnissen. Literatur wird so zu einem sensiblen Seismografen für Veränderungen im Sozialen, die vor allem Fragen der gesellschaftlichen Kohäsion betreffen.

Miszelle

Wer war Friedrich Halm? Zum Pseudonym von Eligius von Münch-Bellinghausen

Wie in diesem Beitrag erstmals gezeigt wird, bezog sich der erfolgreiche Burgtheaterautor Eligius von Münch-Bellinghausen (1806–1871) bei der Wahl seines Pseudonyms Friedrich Halm sehr wahrscheinlich auf Karl Holds Roman „Anton Halm und sein Schützling“ (1826). Mit der Beschreibung dieser Quelle wird ein Beitrag zu unserer Kenntnis zweier vernachlässigter Autoren des 19. Jahrhunderts geleistet.

Buchbesprechungen

Hermann Broch und Frank Thiess. Briefwechsel 1929–1938 und 1948–1951. Hg. v. Paul Michael Lützeler, Göttingen: Wallstein 2018.

Der Briefwechsel zwischen Hermann Broch und Frank Thiess beginnt im Februar 1929, und er setzt mit zentralen poetologischen Fragen ein. Aus dem Unterschied der Dichtungsauffassungen beider Autoren sind bereits die inneren Gründe für die kommenden Lebensentscheidungen – von denen beide 1929 noch nichts ahnen konnten – zu erschließen. Dies ist umso bemerkenswerter, als beide Autoren ihre Poetik in der Kritik am Werk des anderen offenlegen. Thiess war begeistert von Brochs „Pasenow“-Roman und lobte an ihm besonders die lebendige Personengestaltung.
 

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